So nebenbei: Wenn das Leid zum Hintergrundrauschen wird
Das Gedicht „So nebenbei“ entstand in einem Moment der Ernüchterung. Mir fiel auf, wie häufig bei vielen Menschen der Fernseher läuft, ohne dass jemand wirklich hinsieht. Wir konsumieren schreckliche Bilder von Kriegen, Hungersnöten und Katastrophen fast beiläufig. Wir sind so abgestumpft, dass wir sie nur noch am Rande wahrnehmen, ohne uns wirklich damit auseinanderzusetzen. Dieser Horror wird quasi zu einem Teil unseres Unterhaltungsprogramms.
Die verlorene Empathie der Erwachsenen
Während wir Erwachsene oft emotionslos auf dieses Leid blicken, wirken diese Bilder auf ein Kind zutiefst erschreckend. Kinder besitzen noch eine unverfälschte Empathie, die uns Erwachsenen im Laufe der Jahre oft verloren gegangen ist. Sie spüren die Grausamkeit, während wir sie mit einem beiläufigen Blick und einer schnellen Handbewegung auf der Fernbedienung abtun. Dieses Ungleichgewicht zwischen der rohen Realität und unserer abgestumpften Reaktion hat mich tief bewegt.
Das Gedicht als Spiegelbild der Gesellschaft
Ich wollte mit diesen Zeilen einen Spiegel vorhalten. „So nebenbei“ ist mein Versuch, den Moment festzuhalten, in dem aus Ignoranz eine Form der seelischen Taubheit wird. Es geht nicht darum, den Fernseher zu verteufeln, sondern darum, zu hinterfragen, wie wir mit den Informationen umgehen, die täglich in unsere Wohnzimmer strömen. Wenn das Leid der Welt zur Kulisse für das Abendessen wird, haben wir als Gesellschaft einen Teil unserer Menschlichkeit eingebüßt. Das Gedicht ist eine Einladung, wieder hinzusehen, sich erschrecken zu lassen und die Fragen der Kinder ernst zu nehmen.
So nebenbei
Heute fragte mich mein Kind,
weshalb die Menschen böse sind.
Und ich, ich fragte mich erstaunt,
weshalb es denn an so was glaubt.
Nun mache ich das Fernsehn an,
erschreckt was ich dort sehen kann:
Panzer rollen, Bomben fallen,
Feuer lodern, Schüsse knallen.
Im Magen wird’s mir plötzlich flau:
Was seh‘ ich in der Tagesschau?
All das Leid und all den Tod,
gibt’s nebenbei zum Abendbrot.
Die Gewalt, die ich dort seh‘,
tut in meiner Seele weh.
Nun versteh‘ ich, dass mein Kind
über solche Fragen sinnt.

