Verfall Erwachen Lost place Demenz

Der Gast im eigenen Haus: Wenn die Erinnerung zum Fremden wird

 

Ursprünglich war es das Ziel meines Gedichtes, die morbide Schönheit des Verfalls einzufangen. Jene stille, melancholische Ästhetik verlassener Häuser, die langsam von der Natur zurückerobert werden. Ich wollte das Mauerwerk beschreiben, das nachgibt, den Efeu, der sich wie ein grünes Leichentuch über das Gebälk legt, und diesen letzten, langsamen Tanz eines Gebäudes, bevor es gänzlich im Boden verschwindet.
Doch während des Schreibens nahm das Werk für mich eine unerwartete Wendung, die mich tief mit dem Thema Demenz und Identitätsverlust konfrontierte. Die Architektur trat in den Hintergrund und machte Platz für eine Reflexion über den inneren Verfall des Geistes. Das Öffnen der Tür wurde in meinem Schreibprozess zu einem flüchtigen, schmerzhaften Erwachen, dem Moment, in dem die Vergangenheit für einen Wimpernschlag an die Oberfläche drängt, nur um sofort wieder in den Nebel der Fragmentierung zu entgleiten.

Die Grausamkeit der klaren Momente

Das wahrhaft Grausame an der Demenz ist meiner Meinung nach nicht das Vergessen an sich, sondern das kurze, unbarmherzige Erwachen. Ich denke, diese Momente absoluter Klarheit, in denen die Fassade der Verwirrung für einen Atemzug einreißt, sind besonders schmerzhaft. Denn in diesen Sekunden erkennt der Betroffene mit einer scharfen Deutlichkeit, was er gerade verliert. Ich stelle es mir wie ein geistiges Ertrinken vor, bei dem man kurz die Wasseroberfläche durchbricht, den blauen Himmel sieht, nur um im nächsten Augenblick wieder in die dunkle Tiefe gezogen zu werden.

Diese Momente der Erkenntnis sehe ich nicht als Geschenk, sondern eher wie ein grausames Urteil. Man sieht sich selbst von außen, sieht die Risse in der eigenen Biografie, sieht das Ich, wie es sich als Fremder gegenübersteht. Die Krankheit entzieht dem Menschen meiner Wahrnehmung nach nicht nur seine Vergangenheit, sie beraubt ihn der Möglichkeit, sein Schicksal zu begreifen. Betroffene werden zum Beobachter ihres eigenen Untergangs.

Dieses Gedicht ist für mich letztlich auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit. Ich denke, es ist mein Versuch, den Demenz und Identitätsverlust in Worte zu fassen, wenn das Haus der Seele leer wird, während man noch darin wohnt und begreifen muss, dass man der Gast ist, der gehen muss, nicht in den Tod, sondern in das Nichts.

 

 

Erwachen

 

Das alte Haus am Straßenrand,
mir ist’s, als hätte ich’s erkannt,
dem Blick der Welt so lang verborgen
lebt es im Gestern, scheut das Morgen.

Es macht sich Sehnsucht in mir breit.
Ich sehn‘ mich nach Vergangenheit.
Ein sanfter Druck, die Tür springt auf,
es scheint als lebt es, dieses Haus!

Im tiefen Schlaf, der Zeit entrückt,
doch nun erwacht es Stück für Stück.
Verblasste Bilder an der Wand,
erscheinen seltsam mir bekannt.

Verwelkte Blumen auf dem Tisch,
gerade schienen sie noch frisch.
Und dort am Fenster steht in grau,
so wie versteinert eine Frau.

Ein Trugbild nur! Das ist mir klar,
ich sehe, wie es damals war.
Musik durchströmt nun sanft den Raum,
es fühlt sich an, so wie ein Traum.

Mein Blick in die Vergangenheit
erweckt den Glanz der alten Zeit.
Nun höre ich, die Menschen lachen,
und sehe, wie sie Späße machen.

Die Frau, die zu mir rüber schaut,
sie scheint mir fremd, doch auch vertraut.
Sie blickt zu mir,
in mich hinein,
mit einem Blick so kalt wie Stein.

Und plötzlich spür‘ ich tiefen Schmerz,
Gewissheit, sie durchströmt mein Herz.
Denn jetzt erkenn‘ ich es genau:
Das bin ja ich, die alte Frau!

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