Eine detailreiche Schwarz-Weiß-Zeichnung eines gemütlichen Arbeitsplatzes unter einer Dachschräge. An einem massiven Holzschreibtisch mit Schubladen stehen ein dunkler Bürostuhl und ein eingeschalteter Computermonitor. Auf der Tastatur liegt eine Brille, was zusammen mit der davorliegenden Maus und dem kleinen Regal über dem Bildschirm den Eindruck eines privaten, intensiv genutzten Schreibplatzes vermittelt.

Wenn Worte plötzlich laut werden – Vom Schreiben über Haltung und der Angst vor dem Sprechen

Manchmal frage ich mich, wie viel meine Worte eigentlich wiegen, wenn sie doch nur still auf Bildschirmen stehen. Ich schreibe über Frieden, Menschlichkeit und Haltung. Darüber, dass man mutig sein muss, wenn man für etwas einsteht. Doch was passiert, wenn man genau das tun möchte, einen im echten Leben aber die Angst vor dem freien Sprechen lähmt? Ja genau, dann stellt die Realität meine eigenen großen Worte unbarmherzig auf die Probe. Das wurde mir sehr deutlich bewusst. 

Ausschlaggebend für diese Erkenntnis war wohl folgende Begebenheit:

Die ungeahnte Eigendynamik eines Gedankens

Vor einiger Zeit veröffentlichte ich auf Facebook einen Text Darin ging es um den Wehrerfassungsbogen meines Sohnes, begleitet von meinem Gedicht „Der Brief“ Ich hatte keine Vorstellung davon, welche Wellen dieser Beitrag schlagen würde. Anfangs war es einfach nur ein Gedanke, den ich nicht in mir behalten konnte,  eine persönliche Angst, die plötzlich Worte bekommen hatte.

Dann begannen die Menschen, den Text massenhaft zu teilen. Eltern erzählten mir von ihren eigenen Sorgen. Menschen berichteten von Angehörigen, die im Krieg gewesen waren und daran zerbrachen. Reservisten schrieben mir, dass sie selbst nicht noch einmal in einen Krieg ziehen würden.

Gegenwind und der Umgang mit Frust im Netz

Natürlich gab es auch Widerspruch. Reibung gehört zu einem ehrlichen Austausch dazu, und ich finde offenen Widerspruch wesentlich wertvoller als stilles Zustimmen aus reiner Angst, anzuecken. Aber es blieb eben nicht bei sachlichen Diskussionen. Es gab auch Beleidigungen und Drohungen.

Ich verbuche das als toxisches Ventil für ungelösten Frust im Netz. Ich kann nicht bestimmen, was jemand aus meinen Worten macht. Ich kann nur bestimmen, was ich selbst mit ihnen bezwecke.

Wenn aus Texten eine Diskussion wird

Die Eigendynamik dieser Geschichte wuchs weiter. Internetseiten und Friedensorganisationen wollten den Text veröffentlichen. Mir wurde eine Zusammenarbeit angeboten, um meine Gedichte auf Flyern abzudrucken, und es entstand sogar ein YouTube-Video über die immense Wirkung dieser Zeilen.

Das war überwältigend, wunderschön, aber eben auch sehr kräftezehrend. Aus meinen persönlichen Gedanken war eine weitreichende Diskussion geworden, in der andere ihre eigenen Ängste wiederfanden. Genau das ist vermutlich die schönste Seite des Schreibens.

Der Moment, in dem die Panik zuschlägt

Und dann begann der Teil, der mir schmerzhaft aufzeigte, dass ich vielleicht eine Heuchlerin bin oder es sich zumindest exakt so anfühlt.

Mit der Reichweite kamen eine Einladung zu einem Podcast und konkrete Anfragen für Lesungen. Und ich bekam Panik. Ausgerechnet ich. Es ist natürlich denkbar schlecht, wenn man als Autorin schlichtweg nicht in der Lage ist, öffentlich vorzulesen.

Die Frau, die über Haltung schreibt, die davon überzeugt ist, dass Schweigen oft die falsche Antwort ist, und die andere dazu ermutigt, ihre Stimme zu nutzen. Ich habe schlichtweg Angst davor, genau das zu tun.

Die absolute Kontrolle

Auf dem Bildschirm bin ich mutig. Nicht, weil ich anonym wäre,  ich poste immer unter meinem realen Namen und mit meinem Gesicht. Doch wenn ich schreibe, habe ich die absolute Kontrolle. Ich kann einen Satz tippen, ihn wieder löschen, Worte austauschen und einen Absatz zehnmal verändern, bis er sich völlig richtig anfühlt.

Diese Kontrolle fehlt mir im echten Leben komplett. Wenn ich vor Menschen sitze oder vor einem Mikrofon stehe, gibt es keinen Löschen-Button. Da ist nur der unkorrigierbare Augenblick. Deshalb habe ich all diese Einladungen konsequent abgelehnt. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Sondern weil ich beim Sprechen mit dem leben muss, was in dieser einen ungefilterten Sekunde aus meinem Mund kommt.

Ein schmerzhafter Spiegel im Alltag

Vor einiger Zeit hörte ich nebenbei ein Gespräch von Bekannten mit. Einer von ihnen sagte: „Ich werde mich jedenfalls nicht mehr öffentlich äußern. Ich sag keinem mehr was. Man hat ja immer Angst, irgendwo anzuecken.“

Ich konnte das nicht unkommentiert lassen, mischte mich ein und sagte: „Genau das ist das Problem. Dass die Leute, die etwas zu sagen haben, schweigen. Wir alle sind das Problem.“

Doch in exakt dem Moment, in dem ich das aussprach, traf mich die Erkenntnis. Diese Kritik war am Ende weniger an ihn gerichtet als an mich selbst. Ich schreibe über Mut, fordere Zivilcourage  und verstecke mich selbst aus lauter Panik vor dem gesprochenen Wort hinter meiner Tastatur. Ich fordere Haltung und kneife, sobald jemand ein Mikrofon aufstellt.

Mut bedeutet, die Angst mitzunehmen

Früher hätte ich diesen inneren Widerspruch wahrscheinlich lieber verschwiegen. Heute denke ich, dass genau darin etwas enorm Wichtiges steckt. Mut bedeutet vielleicht nicht, keine Angst zu haben. Vielleicht bedeutet Mut manchmal einfach nur, die eigene Angst nicht als dauerhafte Ausrede zu benutzen.

Ich bin noch nicht die furchtlose Autorin, die sich lässig auf eine Bühne stellt. Ich bin die Frau, die am Schreibtisch sitzt, sich Sätze erkämpft und sehr genau weiß, was sie sagen möchte – aber nicht weiß, ob sie den Mut findet, es laut auszusprechen.

Zur echten Authentizität gehört eben nicht nur die Haltung, die nach außen stark aussieht. Dazu gehören auch die Risse, die Zweifel und diese verdammte Angst, die manchmal größer ist als der eigene Anspruch.

Worte wiegen trotzdem

Vielleicht habe ich durch all das inzwischen eine andere Vorstellung davon, wie viel Worte wiegen. Nicht wegen der bloßen Reichweite oder weil daraus ein Flyer oder ein Video entsteht. Sondern weil Worte etwas in Bewegung bringen können. Einen Gedanken. Eine Frage. Oder vielleicht sogar den Mut bei jemand anderem, selbst etwas auszusprechen.

Und genau da liegt meine Verantwortung: Meine Stimme nicht zu verleugnen, nur weil ich Angst vor dem Kontrollverlust habe. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann vor Menschen stehen und meine Texte laut einsprechen werde. Vielleicht brauche ich dafür noch Zeit.

Aber ich weiß, dass ich mich hinter meinen Texten nicht auf Dauer verstecken darf. Wer von Haltung schreibt, muss sich an ihr messen lassen. Meine eigentliche Aufgabe beginnt nicht damit, furchtlos zu werden, sondern ehrlich genug zu sein, meine Angst einfach mitzunehmen.

Also schreibe ich weiter. Mit meinen Zweifeln. Mit meiner Angst vor dem freien Sprechen. Und vielleicht ist das fürs Erste genug.

Wort für Wort.

2 Antworten

  1. Liebe Anja
    Ich denke ich weiß wovon du sprichst das eine ist das Schreiben in dem du klar deine Meinung sagst und das andere ist sich vor ein Publikum zu stellen
    Hier bist du völlig nackt und die Reaktion der anderen Menschen auszuhalten ist schwer auch wenn du klar zu dem stehst was du schreibst sind das 2 paar Schuhe
    Sprechen und schreiben
    Papier ist geduldig sagt man und hinter Papier kann man sich auch verstecken
    Das ist wie bei einer Band die Musiker verstecken sich hinter Keyboard und Schlagzeug….die Sängerin hat außer einem kleinen Mikro nichts und sie steht vorne
    Bitte hör nicht auf zu schreiben mach weiter denn du machst einen unterschied
    Ulli
    Ich schreibe auch aber was ich poste bzw sage ist oberflächlicher als deine Sachen oder die Texte die ich auch noch schreibe ich habe es mir mit meiner Meinung schon ordentlich verscherzt
    Und Leute vergrault mit denen ich eigentlich Projekte mache wollte ich habe mich schon so verschätzt in Menschen es ist einfach doof
    Bitte hab keine Angst

    1. Danke, Ulli. Dein Vergleich mit der Sängerin und der Band trifft es haargenau. Beim Sprechen steht man völlig ungeschützt im Scheinwerferlicht, während das Schreiben einen gewissen Puffer bietet. Aber genau diesen Raum werde ich weiter entschlossen nutzen und definitiv nicht aufhören zu schreiben.

      Ich habe großen Respekt davor, dass du für deine Überzeugungen eingestanden bist, auch wenn es dich schmerzhaft Projekte und Kontakte gekostet hat. Das erfordert echtes Rückgrat. Lass dich von solchen Rückschlägen bitte nicht entmutigen oder in die dauerhafte Oberflächlichkeit drängen. Menschen, die sich wegen einer klaren, ehrlichen Haltung abwenden, sind ohnehin nicht die richtigen Weggefährten für authentische Projekte. Behalte dir unbedingt deine eigene Stimme. Wir dürfen nicht aus Angst vor Zurückweisung aufhören, das auszusprechen, was wirklich wichtig ist.

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