Wie Worte wirken – und was Kritik mit uns macht
Kritik ist ein seltsames Ding. Manchmal spürt man ihr tagelang nach, manchmal prallt sie ab, und manchmal verändert sie das ganze Leben. Und trotzdem messen wir uns immer wieder daran – an dem Urteil anderer über das, was wir tun und wer wir sind.
Wer öffentlich schreibt, wie ich es tue, stellt sich aus. Ich gebe Gedanken und Worte von mir preis und lasse sie in die Welt hinaus. Und dann warte ich darauf, was zurückkommt. Lange Zeit dachte ich, Kritik sei einfach Kritik – bis ich irgendwann merkte, wie unterschiedlich sie sein kann.
Manche Worte wollen nur treffen. Andere zeigen einem etwas, das man selbst nicht sehen konnte. Und genau dazwischen liegt ein gewaltiger Unterschied.
Der Lärm von außen – mit negativer Kritik umgehen
Da ist zuerst die reine, unreflektierte Ablehnung. Die Art von Kommentar, die nicht kritisieren will, sondern verletzen. Jemandem gefällt ein Werk nicht, und statt das einfach stehen zu lassen, wird der Frust in Worte gegossen.
Gerade im Internet ist das ja ein weitverbreitetes Phänomen. Die Leute laden ihre angestauten Aggressionen auf die Welt, ihr eigenes Leben oder was auch immer ab. Wer weiß das schon.
Solche Stimmen können treffen. Aber irgendwann lernte ich, genauer hinzusehen: Hat dieser Angriff überhaupt etwas mit dem Werk zu tun? Oder sucht sich hier nur der Frust des anderen ein Ziel?
Ist Letzteres der Fall, bleibt am Ende nicht viel übrig. Es ist einfach nur der Lärm des anderen, der zufällig an der eigenen Wand zerschellt. Es tut kurz weh, aber es hinterlässt keine Spuren, weil es leer ist.
Konstruktive Kritik – das seltene Geschenk
Und dann gibt es jene Art von Kritik, die alles verändern kann: die konstruktive, ehrliche Auseinandersetzung.
Ich erinnere mich noch gut an die Anfänge, als ich meine ersten, holprigen Zeilen in einer Facebook-Gruppe veröffentlichte. Metrisch lief da noch nicht viel zusammen. Es war pure Leidenschaft und Herzblut ohne Handwerkszeug.
Damals bekam ich eine Nachricht von Rudolf Köster, einem pensionierten Deutschlehrer.
Er schrieb mir nicht einfach, was ihm an meinem Gedicht nicht gefiel. Er begann mit einer Bitte:
„Bitte nehmen Sie diese Nachricht so auf, liebe Anja, wie sie gemeint ist. Nicht als kritische Besserwisserei, sondern als ehrliches Angebot, Sie darauf aufmerksam zu machen, wie Sie Ihrer „echten Lyrik“, die ich als direkt aus dem Herzen kommend wahrnehme, mehr formale Qualität verleihen können.“
Dann wurde er konkreter. Ihn störte das Holpern im Rhythmus. Formale Fehler, die sich in der Schnelligkeit des Schreibens einschlichen und seiner Meinung nach den Gesamteindruck meiner Gedichte trübten.
Und dann kam ein Satz, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist:
„Wer schnell Hingeschriebenes ohne die nötige Sorgfalt und Nachbearbeitung als „verdichtete Sprache“ in die Öffentlichkeit entlässt, macht sich kleiner, als er sein könnte.“
Lieber Rudolf, ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich deine Worte hier so öffentlich mache. Ich tue es aus tiefstem Respekt und aus Dankbarkeit. Deine damalige Nachricht war für mich der Beginn einer Entwicklung, die mein Schreiben bis heute prägt. Deine Worte haben etwas in mir angestoßen, das weit über dieses eine Gedicht hinausging.
Meine Antwort darauf war ziemlich kurz:
„Klar gern ich bin offen für konstruktive Kritik.“
Mehr brauchte es damals offenbar nicht.
Wenn Kritik zum Lehrstück wird
Von da an nahm sich Rudolf über Wochen – naja, um ehrlich zu sein, über viele, viele Monate – die Zeit, mir zu zeigen, was Metrik, Kadenzen und Reimschema wirklich bedeuten. Er hat mir nicht einfach gesagt, dass etwas falsch ist. Er hat mir gezeigt, warum es nicht funktioniert und worauf ich achten muss.
Mit seiner Geduld, seinem Wissen und seiner Beharrlichkeit hat er mir etwas gegeben, das weit über ein paar Regeln für gutes Schreiben hinausgeht: Er hat mir geholfen, meine eigene Sprache ernster zu nehmen.
Er hat mich dazu gebracht, genauer hinzusehen, Worte nicht nur nach dem Gefühl auszuwählen, sondern auch nach ihrem Klang, ihrem Rhythmus und ihrer Wirkung. Und vor allem hat er mir gezeigt, dass Herzblut allein zwar der Anfang sein kann, aber nicht das Ende sein sollte.
Er hat mich nicht geschont, denn er hat mich ernst genommen.
Vielleicht war genau das sein größtes Geschenk an mich.
Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen verletzender Kritik und konstruktiver Kritik: Die eine will einen kleinmachen. Die andere zeigt einem, wo man größer werden kann.
Ohne Rudolf und seine unbequeme, aber unendlich wertvolle Hilfe würde ich heute nicht hier sitzen und schreiben. Vielleicht würde ich noch immer schreiben – aber ich würde anders schreiben.
Kritik annehmen heißt zuhören
Kritik ist am Ende keine Einbahnstraße. Sie fordert etwas: die Bereitschaft, den eigenen Standpunkt für einen Moment zu verlassen und zuzuhören.
Vielleicht geht es im kreativen Prozess gar nicht darum, Applaus zu ernten oder es jedem recht zu machen. Sondern darum, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Die sinnlosen Angriffe wegzulächeln – und sich vor den Menschen zu verbeugen, die bereit sind, mir den Spiegel vorzuhalten, damit ich wachsen kann.
Und so bin ich all meinen Kritikern letztlich dankbar.
Denn was all diese völlig unterschiedlichen Rückmeldungen am Ende eint, ist die Tatsache, dass sie mich geformt haben. Selbst der schlimmste Angriff, der eigentlich nur verletzen sollte, hat mich im Rückblick gestärkt und mir gezeigt, wofür ich einstehen will.
Wer schreibt oder Kunst macht, setzt sich aus. Wer seine Gedanken, seine Gedichte oder seine Kunst öffentlich zeigt, kann nicht bestimmen, was andere darin sehen.
Aber vielleicht muss man das auch gar nicht.
Denn erst im echten Austausch fangen die Worte an zu atmen.


10 Antworten
Hallo Anja
Vielen Dank, für diesen Bericht,
er beschreibt deutlich,was konstruktiv und was nicht ist,es ist umlegbar auf alle Lebenslagen.
Er kann Menschen auch helfen,die mit Kritik bisher nicht umgehen konnten
Vielen Dank für die schöne Rückmeldung.Es freut mich sehr, wenn meine Zeilen und Erfahrungen vielleicht sogar anderen dabei helfen können, in Zukunft etwas gelassener und sicherer mit Kritik umzugehen.
Es ist für manche Menschen scheinbar schwer, konstruktiv Kritik zu formulieren.
Alle öffentlich präsentierenden Künstler und innen haben das schwere Los, damit umzugehen.
Den eigenen Weg weiter zu beschreiten fällt nicht leicht, doch durch anzunehmende, aufrechte Beiträge gelingen förderliche Wendungen, ohne sich zu verbiegen.
Ich lese immer ihre Gedichte und Anmerkungen ohne Vorbehalt.
Das heißt: bleiben Sie sich treu!
Vielen herzlichen Dank für diese stärkenden Worte. Konstruktive Kritik zu üben, ist tatsächlich eine Kunst für sich, und wer seine Texte öffentlich macht, spürt das oft sehr deutlich. Umso wertvoller ist es, von Lesern begleitet zu werden, die unvoreingenommen an die Werke herangehen und genau diesen Raum für echtes Wachstum lassen, ohne dass man sich verbiegen muss.
Kluge Gedanken. Herzlichen Dank für die Ausführlichkeit. Ja, man machst sich angreifbar, wenn man bei Facebook seine Ansichten öffentlich macht. Man erkennt aber auch, wer oberflächlich liest und sich dann unverständlich verhält, oft wie ein impulsives, bockiges Kind.
Vielen Dank für die zustimmenden Worte und diese treffende Beobachtung. Es ist tatsächlich oft so, dass gerade beim oberflächlichen Lesen schnelle, unreflektierte Impulse die Oberhand gewinnen. Solche Reaktionen haben dann meist mehr mit der momentanen Stimmung des Lesers als mit dem eigentlichen Text zu tun. Das rechtzeitig zu erkennen, hilft enorm dabei, genau diesen lauten Lärm von außen auszublenden und sich von solchen Reaktionen nicht entmutigen zu lassen.
Welch wahre Worte. Dein Text hat mich persönlich sehr zum nachdenken gebracht.
Ich bin ein Mensch, der häufig falsch verstanden wird, da ich mit Kritik nicht leise oder verschlossen umgehe.
Mein Gegenüber fühlt sich häufig angegriffen, was aber nie mein Ziel meiner Aussage war.
Ich hatte gehofft, mit meinen klaren, aber nie verletzenden Worten, meinem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.
Dieses ist leider in den wenigsten Situationen geschehen. Es kam meistens ohne große Pause, oder nur den kleinsten Moment der Reflektion meiner angesprochenen Person eine Antwort zurück, die mich kopfschüttelnd und zweifelnd an dem Niveau der Menschen zurückgelassen hat.
Heute wird mir langsam bewusst, bist Du nicht der gleichen Meinung, wird alles nur noch als Angriff aufgenommen und mit einem Gegenangriff beantwortet.
Diese Situation macht mich traurig, denn so entstehen Kriege.
Kriege im Kleinen und Kriege, die schreckliche Auswirkungen haben.
Deine Gedichte gefallen auch nicht jedem und trotzdem sind sie auf den Punkt zutreffend.
Wer etwas nachdenken mag, wird sie als Anregung nehmen, andere leider nur als Angriff.
Häufig habe ich nach dem Lesen Deiner Zeilen schon dagesessen und die Tränen kullerten nur so. Manchmal aus Verzweiflung, weil Du die Wahrheit knallhart in Worte gefasst hast und ich sie gerade gar nicht sehen bzw. mich damit auseinandersetzen wollte.
Und trotzdem sage ich , mach weiter so !
Es ist so dermaßen wertvoll, was Du mit Deinen Worten rüberbringst.
Jedenfalls für die, die es auch annehmen und verstehen wollen.
Vielen Dank für diese tiefgehenden und unheimlich ehrlichen Worte. Es ist eine sehr schmerzhafte Erfahrung, wenn Klarheit und der reine Wunsch, eine neue Perspektive zu eröffnen, vom Gegenüber sofort als Angriff gewertet werden. Die Beobachtung, dass der Raum für das Innehalten und Reflektieren scheinbar immer kleiner wird und stattdessen oft reflexartig zurückgeschossen wird, teile ich leider. Genau dort, in dieser fehlenden Bereitschaft, wirklich zuzuhören und eine andere Sichtweise auch nur kurz zuzulassen, nehmen viele Konflikte ihren Anfang.
Dass meine Texte manchmal genau in diese Wunden treffen, dich zum Weinen bringen und dich dazu bringen, dich mit unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen, berührt mich als Autorin zutiefst. Es zeigt, dass die Worte nicht nur konsumiert, sondern wirklich gefühlt und verarbeitet werden – auch wenn es im ersten Moment wehtut. Genau für Menschen, die diesen Mut zur echten Auseinandersetzung haben, schreibe ich. Von Herzen danke für diese wundervolle Ermutigung, meinen Weg genauso weiterzugehen.
Liebe Anja,
vielen lieben Dank für deine Beiträge und insbesondre diesen hier! Ja, manch einer kann mit Direktheit noch nicht umgehen – aber wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, dass diejenigen es dennoch erlernen werden.
Ich wünsche dir ein erholsames Wochenende – ups, was davon noch übrig ist 🙂
Elke aus Blankenburg Harz
Hallo, KollegenInnen, die hier angeführte künstlerische Praxis über melodische Bildung durch Metrum, Versschema und Reimschema eine beabsichtigte Stimmung zu erzeugen, ist insofern sehr wichtig, da sie letztendlich das Staunen über die Reglementierung stellt; negative Kritik, die das nicht macht, ist schlechte Kritik im künstlerisch-ästhetischen Sinne! So aber nicht, wie hier geschildert an Anjas und Roberts Beispiel! Dennoch ist auch sehr wichtig, daß die letztendliche Entscheidung, wie es herauszubringen ist, allein beim Originalkünstler beziehungsweise dessen künstlerischer Freiheit liegt! Also an der künstlerischen Lizenz! Selbst bei Systemkritik ist am Ende dieser Künstler der Systemkritiker, der sich schließlich dafür auch verantwortlich zeichnet und nicht derjenige, der von sich glaubt, er habe diesen Künstler dazu gebracht im Sinne der Systemkritik Kunst zu produzieren! Am Wichtigsten ist es aber mir auch, im Sinne einer Gesellschaftskritik, darauf hinzuweisen, dass die Fähigkeit des Staunens in der kulturellen Bildung allseits, ja sogar gegenüber der Reglementierung, überwiegen muss, dessen Mangel ich allzu oft hierzulande vermisse! Und schaue ich in der Rest der Welt hinein, so sehe ich im Westen wie im Osten (Orient und Okzident, Morgenland und Abendland) nur noch zu wenige Bastionen des erschaudernden Staunens! In diesem Sinne liebste Grüße an euch alle!