The Remarkable Life of Ibelin

Die Geschichte von Mats Steen – eine Dokumentation, die meinen Blick verändert hat

 Vor einiger Zeit sah ich die Dokumentation The Remarkable Life of Ibelin.
Ich dachte, ich wüsste, was mich erwartet: die Geschichte eines jungen Mannes,
der mit schweren körperlichen Einschränkungen lebt.
Was ich bekam, war etwas anderes.
Ein Spiegel.
Und die Erkenntnis, wie begrenzt mein eigenes Verständnis von Nähe,
Beziehung und Gemeinschaft bis zu diesem Punkt gewesen ist.
Vielleicht auch, weil ich mich selbst dabei ertappe, wie ich auf die digitalen Kontakte
meines Sohnes schaue und mich frage:
Wo bleibt das echte Leben?
Und gleichzeitig spüre ich, dass diese Frage zu einfach ist.
Weil Nähe, Freundschaft und Zugehörigkeit heute andere Formen annehmen können,
als ich es in meiner Jugend kannte – ohne deshalb weniger real zu sein.
Ich möchte die digitale Welt nicht über die körperliche stellen.
Aber ich möchte sie auch nicht abwerten.
Nicht alles, was wir nicht anfassen können, ist unwirklich.

Der Irrglaube von der einsamen digitalen Welt

 Wie viele andere hatte auch ich lange diesen Gedanken im Hinterkopf:
dass die digitale Welt vereinsamt, dass sie echte Beziehungen ersetzt, statt sie zu ermöglichen, dass Nähe dort nur eine Illusion sei.
Dieser Gedanke ist tief verankert – besonders, wenn es um Kinder, Jugendliche
und Online-Welten geht.

Mats Steen – körperlich gebunden, sozial verbunden

 Mats Steen lebte mit einer fortschreitenden Muskeldystrophie.
Sein Körper setzte ihm enge Grenzen, sein Alltag war still, abhängig, nach außen hin klein. Für seine Eltern wirkte es, als ziehe er sich immer weiter zurück – hinein in eine Welt
aus Bildschirmlicht und Tastengeräuschen. Sie glaubten, ihr Sohn sei allein.
Was sie nicht wussten: Mats war es nicht.
In World of Warcraft hatte er ein soziales Leben, das reich, tragfähig
und zutiefst menschlich war.
Dort war er nicht der Kranke, nicht der Sohn, um den man sich sorgt.
Dort war er Freund, Zuhörer, Vertrauter. Er half anderen, tröstete, war da.
Für viele Menschen spielte er eine wichtige Rolle in ihrem Leben.
Mats war in dieser Welt unter dem Namen Ibelin bekannt. Azeroth – die Spielwelt von World of Warcraft – war für ihn kein Ort der Flucht, sondern ein Raum der Zugehörigkeit. Eine vielschichtige Welt aus Landschaften, Städten, Begegnungen und Gemeinschaften.
Für Mats bedeutete Azeroth einen Ort, an dem sein Körper keine Grenze setzte und an dem er nicht über das definiert wurde, was er nicht konnte, sondern über das, was er war.
Als Ibelin war er Teil dieser Welt – sichtbar, gehört, verbunden.

Die Erkenntnis nach seinem Tod

Erst nach Mats’ Tod begann sich dieses Bild zu öffnen. Als seine Eltern die Nachricht von seinem Tod in seinem Blog „Musings of Life“ teilten, rechneten sie mit wenigen,
vielleicht höflichen Antworten.
Mit Distanz.
Was sie bekamen, war das Gegenteil. Nachrichten aus aller Welt erreichten sie.
Menschen erzählten von nächtelangen Gesprächen, von gemeinsam getragenen Sorgen,
von einem jungen Mann, der ihnen Halt gegeben hatte, als sie selbst keinen fanden.
Einige schrieben, Mats habe sie durch schwere Lebensphasen begleitet.
Andere trauerten um ihn, als hätten sie einen engen Freund verloren.
Für seine Eltern war dies sicher ein schmerzhafter, aber auch klärender Moment.
Der Moment, in dem sie erkannten:
Unser Sohn war nicht isoliert.
Er war verbunden.
Tief.
Echt.

Was Mats’ Geschichte uns lehrt

Mats’ Geschichte zeigt etwas sehr Einfaches und zugleich sehr Unbequemes:
Beziehungen entstehen nicht durch physische Anwesenheit allein.
Sie entstehen durch Aufmerksamkeit. Durch Zuhören. Durch Anteilnahme.
Ob ein Gespräch in einem Raum stattfindet oder über einen Bildschirm –
entscheidend ist nicht der Ort, sondern das, was zwischen zwei Menschen geschieht.
Vielleicht liegt unser Irrtum genau hier: Wir messen Realität an Sichtbarkeit.
Nähe an Berührbarkeit. Freundschaft an gemeinsamen Räumen.
Mats’ Leben widerspricht dem – leise, aber vollständig.
Echte Nähe kennt keinen Ort.
Er war nicht weniger Teil dieser Welt, nur weil seine Beziehungen anders gelebt wurden.
Und vielleicht sind es nicht die digitalen Räume, die uns voneinander entfernen,
sondern unsere Weigerung, neue Formen von Verbundenheit
als gleichwertig anzuerkennen.
„Echt“ ist keine Frage des Ortes.
Es ist eine Frage des Herzens.
Und vielleicht sollten wir künftig weniger fragen, wo jemand lebt –
und mehr danach, wie sehr er verbunden ist.
Denn dort, wo Empfindung ist, ist Menschlichkeit.

Wie das Gedicht „Ibelin“ entstand

Diese Erkenntnis hat mich nicht losgelassen. Und aus diesem Nachhallen heraus
ist mein Gedicht „Ibelin“ entstanden.
Nicht als Nacherzählung.
Nicht als Kommentar.
Sondern als stille Würdigung eines jungen Mannes – und als Versuch,
Worte zu finden für eine Form von Nähe, die sich nicht berühren lässt
und dennoch wirklich ist.

Ibelin


Seit Wochen starrst du vor dich hin
und sitzt allein im Dunkeln.
Das bunte Pixelflimmerlicht
lässt deine Augen funkeln
.
Die Welt da draußen vor der Tür
kannst du nicht mehr verstehen.
Du lebst und liebst in Azeroth,
dem Land der blauen Feen.

Die Farben tanzen hinter Glas
und drehen ihre Runden.
Hier zählt kein Kummer und kein Leid,
hier heilen deine Wunden.

Ach, könnt’ ich noch ein letztes Mal
von dort dich doch entführen,
ein letztes Mal im Herzen dich
mit meinem Wort berühren.

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