Schwarzweißzeichnung von Rettungskräften im Schnee neben einem Rettungswagen, inspiriert vom Gedicht „Kindlein ohne Wiege“.

Kindlein ohne Wiege – Poesie über Weihnachten, Mitgefühl und die gesellschaftliche Kälte unserer Zeit

 

Es gibt Momente, in denen ein Gedicht entsteht, ohne dass man den Weg dorthin bewusst gewählt hätte. Mein Gedicht „Kindlein ohne Wiege “ war ursprünglich als leise Weihnachts-Poesie gedacht – ein Text über Wärme, Hoffnung und das Licht, das wir mit der Geburt Jesu verbinden. Doch während ich schrieb, veränderte sich etwas. Die Worte wurden ernster, kälter und zugleich klarer. Dadurch entstand plötzlich ein Gedicht, das weit mehr über unsere Welt erzählt, als ich im ersten Augenblick ahnte.

 

Kindlein ohne Wiege

 

Ein Kindlein ward geboren
in eisig kalter Nacht.
Kein Gott und auch kein Engel
hat’s Kindlein zart bewacht.

Da lag es nun in Blöße,
verlassen und allein.
Wie konnt die Welt so grausam
zu einem Kindlein sein?

Schon lange vor dem Morgen
verklang sein letzter Schrei.
Die Menschen, stets in Eile,
sie hasten flink vorbei.

Geboren und erfroren
an einem einz’gen Tag,
war’s Kindlein ohne Wiege,
das zwischen Abfall lag.

 

Weihnachten und die Frage nach echter Menschlichkeit

Während ich schrieb, wurde mir bewusst, dass die Weihnachtsgeschichte nur die Oberfläche war – eine dünne Schicht Licht über einer dunklen, unbequemen Frage. Wie viel sehen wir wirklich?
Gerade in der Weihnachtszeit sprechen wir von Wärme und Mitgefühl, doch gleichzeitig übersehen wir so vieles. Vielleicht hat sich das Gedicht deshalb von mir wegbewegt und stattdessen seinen eigenen Weg gesucht. Denn manchmal zeigt uns Poesie nicht das, was wir erzählen wollen, sondern das, was erzählt werden muss.

Die Leerstelle, die sich im Text auftat, wollte sichtbar werden: jene stille Zone, in der Schicksale verlöschen, ohne dass jemand stehen bleibt. Nicht aus Bosheit, sondern oft deshalb, weil wir selbst kämpfen, hetzen oder schlicht überfordert sind. Dadurch geht viel verloren – weit mehr, als wir zugeben möchten.

Zwischen den Zeilen: die Fragen, die mich nicht loslassen

Ich habe keine Antworten, und dennoch öffnete dieses Gedicht etwas in mir. Es schuf einen stillen Raum, in dem sich Fragen sammeln, die man nicht mehr leicht beiseiteschiebt. Wie viele Stimmen überhören wir täglich? Wie viele Menschen tragen eine Last, die niemand erkennt? Und wie oft laufen wir an einer Wahrheit vorbei, weil unser Leben zu schnell, zu laut oder zu voll ist?

Manchmal ist ein Gedicht nicht Trost, sondern Spiegel. Und manchmal zeigt dieser Spiegel nicht uns selbst, sondern die Welt, wie sie geworden ist: hell, laut, schnell – und dennoch voller kalter Schatten.

Warum ich dieses Gedicht nicht zurückhalten wollte

„Kindlein ohne Wiege“ erzählt nicht nur von einem Kind, das niemand hielt. Es erzählt ebenso von uns – von dem Tempo, in dem wir leben, und der Blindheit, die aus Überforderung entsteht. Außerdem spürte ich beim Schreiben, dass eine Sehnsucht nach Menschlichkeit zwischen den Zeilen liegt: die leise Hoffnung, dass wir wieder genauer hinsehen dürfen.

Gerade deshalb gehört das GedichtKindlein ohne Wiege“ in die Weihnachtszeit. Denn Mitgefühl entsteht nicht durch Lichterketten, sondern durch Aufmerksamkeit. Und Menschlichkeit beginnt selten in den großen Gesten, sondern dort, wo jemand stehen bleibt, hinsieht und nicht vorbeiläuft.

Wenn Poesie etwas bewirken kann, dann vielleicht dies: uns daran zu erinnern, wie kostbar jedes Leben ist – selbst jenes, das wir beinahe übersehen hätten.



Anja ❤️

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