Vom Gedanken zum geschriebenen Wort – wie ich zur Autorin wurde
Es gibt Gedanken, die lassen sich nicht einfach abschütteln.
Am Abend, wenn die Welt um mich herum leiser wird und ich mich eigentlich entspannt zurücklehnen könnte, tauchen seit jeher tiefgründige Gedanken auf. Ehrliche, ungefilterte Gedanken über den Sinn des Lebens und den alltäglichen Wahn, über Liebe und Verlust, Hoffnung und Rückschläge – kurzum: über das Leben an sich.
Worte, die zu groß sind, um sie kurz vor dem Einschlafen noch flüchtig mit jemandem zu teilen.
Irgendwann merkte ich, dass ich besser zur Ruhe finde, wenn ich all das aufschreibe. Nicht, weil ich damals schon den Plan hatte, eines Tages Autorin zu werden. Ich wollte einfach nur meinen Kopf leiser bekommen.
Was zunächst eine Art persönliches Ablagefach für Gedanken war, entwickelte sich mit den Jahren zu etwas völlig anderem. So begann mein Weg vom Gedanken zum geschriebenen Wort.
Wenn Gedanken nachts keine Ruhe geben
Mit den Jahren verdichtete sich das Chaos in meinem Kopf und fand plötzlich in Reimform ein neues Zuhause.
Mitten in der Nacht kreisten hartnäckig einzelne Zeilen durch meinen Verstand. Ein Satz, ein Bild, ein Gedanke – manchmal nur wenige Wörter. Aber wenn sie einmal da waren, wollten sie nicht mehr verschwinden.
Um überhaupt Schlaf zu finden, griff ich nach dem Handy auf dem Nachttisch und tippte die Zeilen ein. Soweit, so gut. Die Gedanken waren fürs Erste sicher abgelegt.
Am nächsten Morgen hätte ich sie wieder vergessen können. Doch das tat ich nicht. Aus manchen dieser nächtlichen Gedanken wurden später Gedichte.
Damals wusste ich noch nicht, wohin diese Worte irgendwann führen würden. Ich wusste nur, dass das Schreiben etwas mit mir machte. Es brachte Ordnung in Dinge, die sich in meinem Kopf ungeordnet und schwer anfühlten.
Schreiben war zunächst kein Wunsch nach einer Leserschaft. Es war ein Bedürfnis.
Raus aus dem Kokon - mein Weg zur Autorin
Da lagen sie nun: unzählige Zeilen, einzelne Verse und halbfertige Gedichte. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem Worte nicht mehr nur im eigenen Kopf oder in einer Datei existieren wollen.
Wer etwas zu sagen hat, muss irgendwann den Mut aufbringen, diese Worte mit anderen zu teilen. Für mich war genau das eine enorme Hürde.
Meiner Familie meine gereimten Ergüsse zu zeigen, kam absolut nicht infrage. Allein die Vorstellung löste in mir Panik aus. Was würden sie denken? Würden sie lachen? Würden sie meine Texte überhaupt ernst nehmen? Und vor allem: Würden sie verstehen, was ich damit sagen wollte?
Also suchte ich einen Ort, an dem ich mich zunächst vorsichtig ausprobieren konnte. Die Lösung fand sich in einer Facebook-Gruppe namens „Gedichte schreiben“.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und veröffentlichte mein erstes, noch sehr rohes und ungeschliffenes Werk. Hauptsache, die Worte waren erst einmal draußen. Dann wartete ich. Auf Reaktionen, auf Kritik oder Ablehnung.
Doch es kam anders. Die Reaktionen waren damals durchaus positiv. Und plötzlich war da dieses Gefühl: Vielleicht darf ich das, vielleicht darf ich meine Gedanken nicht nur aufschreiben, sondern sie tatsächlich mit anderen Menschen teilen.
Vom Mut zur eigenen Stimme
Es folgten weitere Texte. Gedichte über Liebe und Schmerz. Über Verlust und Hoffnung, über menschliche Abgründe und die Dinge, über die man lieber nicht spricht.
Und immer wieder tauchte dabei auch Gesellschaftskritik auf. Denn genau das ist bis heute ein wesentlicher Teil meines Schreibens.
Ich möchte nicht einfach nur schöne Worte aneinanderreihen, sondern hinterfragen. Ich möchte manchmal unbequem sein und Dinge aussprechen, die andere vielleicht lieber verschweigen.
Damals war mir allerdings noch nicht bewusst, wie wichtig neben den Gedanken auch das handwerkliche Können sein würde. Das änderte sich durch einen Menschen, dem ich bis heute sehr viel verdanke.
Ein neues Kapitel auf meinem Weg zur Autorin wurde aufgeschlagen
Eines Tages schrieb mich Rudolf per Messenger an. Er war pensionierter Deutschlehrer und fragte mich, ob ich bereit für Kritik sei.
Diese Frage hätte ich natürlich auch mit einem beherzten „Nein“ beantworten können. Doch konstruktive Kritik hat noch niemandem geschadet. Also willigte ich ein.
Rudolf schätzte offenbar meine Art zu schreiben und die inhaltliche Tiefe meiner Texte. Gleichzeitig nahm er meine Metrik und mein Reimschema streng unter die Lupe.
Er zeigte mir, dass ein Gedicht nicht allein deshalb funktioniert, weil sich die letzten Wörter einer Zeile reimen. Er brachte mir bei, genauer hinzusehen: auf den Rhythmus, auf das Versmaß, auf die Metrik.
Auf die Wirkung eines einzelnen Wortes. Und vor allem darauf, dass ein Gedicht nicht nur aus Inspiration besteht, sondern auch aus Handwerk.
Mit bewundernswerter Geduld brachte er mir bei, wie man einen Gedanken nicht nur poetisch formuliert, sondern einen Text auch handwerklich vollendet. Diese Zeit war für mich entscheidend.
Ohne Rudolfs Zeit und Hingabe würde ich heute wahrscheinlich gar nicht mehr schreiben. Oder zumindest nicht so, wie ich heute schreibe.
So begann das erste wirkliche Kapitel meines Weges als Autorin.
Schreiben bedeutet für mich Freiheit
Das Handwerk zu erlernen, war der entscheidende erste Schritt. Doch für meinen weiteren Weg stand etwas anderes unverrückbar fest:
Ich brauche Freiheit. Absolute, uneingeschränkte Freiheit, genau das auszudrücken, was ich denke, beobachte und fühle. Unverfälscht.
Ohne mich vorher fragen zu müssen, ob ein Gedanke zu unbequem, ein Thema zu dunkel oder eine Aussage vielleicht nicht massentauglich genug ist.
Ich möchte schreiben dürfen, was mich beschäftigt: über Liebe, über Verlust, über Menschlichkeit, über Krieg, über gesellschaftliche Abgründe, über Hoffnung, über Angst.
Über das, was uns verbindet – und über das, was uns voneinander trennt. Für mich gehört genau diese Freiheit zum Schreiben dazu.
Denn wenn ich bereits beim Schreiben darüber nachdenken müsste, was sich besser verkaufen lässt, würde ein Teil dessen verloren gehen, was meine Texte überhaupt erst ausmacht.
Warum ich mich für den Selbstverlag entschieden habe
Für mich bedeutet Selbstverlag nicht einfach nur, Bücher ohne klassischen Verlag zu veröffentlichen. Es bedeutet vor allem Verantwortung. Ich entscheide selbst, was ich schreibe, welche Themen in meine Bücher gehören.
Ich entscheide, wie meine Texte präsentiert werden. Und ich kann meine Worte so in die Welt tragen, wie sie ursprünglich gedacht waren.
Natürlich hat diese Freiheit ihren Preis. Ohne einen großen Verlag im Rücken fehlt auch die große PR-Maschinerie. Es gibt kein umfangreiches Marketingteam, das meine Bücher in die Buchhandlungen bringt, keine riesigen Werbebudgets und keine Garantie dafür, dass die eigenen Texte genau jene Menschen erreichen, für die sie geschrieben wurden.
Als Autorin im Selbstverlag muss man deshalb vieles selbst machen: Schreiben, überarbeiten, veröffentlichen, Bücher gestalten, sich um die eigene Website kümmern, Social Media betreiben, Leserinnen und Leser erreichen und immer wieder versuchen, die eigenen Bücher sichtbar zu machen.
Das ist anstrengend. Aber es ist meine Entscheidung. Und genau deshalb fühlt es sich richtig an.
„Kann man damit eigentlich reich werden?“
Eine Frage, die mir nicht nur Außenstehende, sondern auch mein eigener Bruder schon gestellt hat, lautet: „Kann man damit eigentlich reich werden?“
Die ehrliche Antwort lautet: Finanziell bringt es fast nichts ein. Jedenfalls nicht annähernd das, was man angesichts der vielen Stunden vermuten könnte, die in einem Buch, einem Gedicht oder einem einzelnen Text stecken.
Aber vielleicht ist das auch die falsche Frage. Denn was bringt Schreiben? Was bringt es, nachts auf das Handy zu tippen, weil eine Zeile keine Ruhe gibt?
Welchen Sinn hat es, Stunden damit zu verbringen, an einem Gedicht zu arbeiten? Und was bringt es, ein Buch zu schreiben, obwohl man nicht weiß, wie viele Menschen es am Ende lesen werden?
Für mich bringt es etwas, das sich nicht in Euro messen lässt. Schreiben schafft Frieden. Nicht immer, nicht sofort.
Aber manchmal gelingt es mir tatsächlich, Gedanken aus meinem Kopf auf Papier zu bringen und sie dadurch leichter werden zu lassen.
Das Schreiben nimmt dem Chaos seine Macht. Aus einem diffusen Gefühl wird ein Gedanke, aus einem Gedanken wird ein Satz, aus einem Satz wird ein Gedicht.
Und irgendwann liegt das, was vorher nur in meinem Kopf existierte, vor mir. Schwarz auf weiß.
Der Wert der Worte
Doch der wahre Wert des Schreibens offenbart sich für mich erst dann, wenn meine Worte meinen eigenen Schreibtisch verlassen. Wenn sie ihren Weg zu anderen Menschen finden.
Wenn ich Nachrichten von Leserinnen und Lesern bekomme und begreife, dass ein Text, der aus meinem ganz persönlichen Gedankenchaos entstanden ist, plötzlich im Leben eines anderen Menschen eine Bedeutung bekommen hat.
Es gibt Menschen, für die ein Text wie ein tägliches Gebet wird, das sie in ihr Tagebuch schreiben, während Lehrkräfte meine Verse nutzen, um den Unterricht für Kinder und Jugendliche zu gestalten.
Wieder andere lesen meine Gedichte ihren hochbetagten Familienangehörigen vor. Oft finden Leser in den Zeilen Trost, wenn sie trauern und Abschied nehmen müssen, und ebenso schöpfen manche daraus den Mut, in einer oft stummen oder gespaltenen Gesellschaft Haltung und Menschlichkeit zu bewahren.
Genau in solchen Momenten wird mir bewusst, dass Schreiben niemals nur eine Einbahnstraße ist. Ich schreibe einen Text aus meiner eigenen Erfahrung, meinen Gedanken und meiner Wahrnehmung heraus.
Doch sobald er veröffentlicht ist, gehört er auch ein Stück weit dem Leser. Jeder nimmt andere Worte mit. Jeder entdeckt andere Bilder. Jeder liest zwischen anderen Zeilen.
Und manchmal findet jemand in einem Gedicht genau das, was er selbst nicht in Worte fassen konnte. Das ist für mich unbezahlbar.
Worte können Brücken bauen
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich nicht aufhören kann zu schreiben. Meine Worte ordnen nicht nur das Chaos in meinem eigenen Kopf, wenn ich nachts zum Handy greife.
Sie schlagen Brücken. Zwischen Menschen, zwischen Gedanken, zwischen Erfahrungen, die auf den ersten Blick völlig unterschiedlich erscheinen.
Ein Gedicht kann einen Menschen an etwas erinnern, das längst vergessen schien. Es kann eine Wunde berühren, kann aber auch Trost spenden.
Ein Gedicht kann provozieren. Es kann wütend machen und zum Nachdenken zwingen. Und manchmal kann ein einziger Satz einem Menschen das Gefühl geben: Ich bin damit nicht allein.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten des Schreibens.
Vom Gedanken zum Buch
Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, erscheint es mir beinahe unglaublich, wie unspektakulär alles begonnen hat. Nicht mit einem großen Plan.
Auch nicht mit dem Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Und sicher nicht mit einem fertigen Manuskript.
Sondern mit Gedanken in der Nacht. Mit ein paar eingetippten Zeilen auf einem Handy, mit halbfertigen Gedichten, mit einem ersten mutigen Schritt in eine Facebook-Gruppe.
Und mit einem wunderbaren Menschen, der mir gezeigt hat, dass Inspiration und Handwerk zusammengehören.
Aus diesen ersten Schritten sind inzwischen Bücher geworden. Gedichtbände. Geschichten. Texte für Kinder und Erwachsene.
Und mit jedem Buch wächst auch die Erkenntnis, dass Schreiben für mich weit mehr ist als ein Hobby. Es ist eine Möglichkeit, meine Sicht auf die Welt festzuhalten.
Eine Möglichkeit, Fragen zu stellen und Widersprüche auszuhalten. Die Möglichkeit, Dinge auszusprechen, für die im Alltag oft die richtigen Worte fehlen.
Und manchmal ist es einfach eine Möglichkeit, nicht verrückt zu werden angesichts all dessen, was in meinem Kopf herumgeistert.
Und wie geht es nun weiter?
Mag sein, dass hinter mir keine große Verlagsmaschinerie steht, dass meine Bücher nicht in jedem Buchladen liegen und dass meine Texte nicht Millionen Menschen erreichen. Aber darum geht es mir auch nicht.
Wenn ein Gedicht einen einzigen Menschen wirklich erreicht, war es nicht umsonst. Wenn jemand durch einen meiner Texte Trost findet, hat sich das Schreiben gelohnt.
Wenn ein Mensch durch meine Worte den Mut findet, seine eigene Stimme zu benutzen, dann haben sie etwas bewirkt.
Und wenn jemand nach dem Lesen eines Gedichts für einen Moment innehält und über das eigene Leben, die Gesellschaft oder die Menschen um ihn herum nachdenkt, dann haben meine Worte ihren Zweck erfüllt.
Vielleicht kann man davon nicht reich werden. Aber vielleicht gibt es Dinge, die wertvoller sind als Geld.
Ein Gedanke, der nicht mehr allein bleiben muss. Menschen, die sich verstanden fühlen. Ein Moment des Trostes und ein bisschen Hoffnung.
Oder einfach das Gefühl, dass sich irgendwo jemand dieselben Fragen stellt.
Ich schreibe weiter..
Deshalb werde ich weiterschreiben. Nachts, wenn die Gedanken wieder keine Ruhe geben.
Am Schreibtisch, wenn aus einzelnen Zeilen langsam ein Gedicht entsteht. Und immer dann, wenn etwas in mir unbedingt hinauswill.
Denn irgendwo zwischen dem ersten Gedanken und dem letzten geschriebenen Wort passiert etwas, das ich bis heute nicht vollständig erklären kann: Aus Gedanken werden Worte, aus Worten Gedichte, aus Gedichten werden Bücher.
Und manchmal werden daraus Brücken zu Menschen, die ich wahrscheinlich niemals kennenlernen werde. Genau dafür lohnt sich das Schreiben.
Im Grunde bringt es mein Gedicht genau auf den Punkt:
Ich schreib für Euch
Mit wohlgeformtem Federstrich
schreib ich für euch und auch für mich.
Ich lass euch meinen Herzschlag spüren
und öffne lang verschlossen Türen.
Ich schreibe, wenn das Herz mir bricht,
von Dunkelheit und Hoffnungslicht,
von Trümmern, Leid und blut’gen Kriegen
und auch von zweifelhaften Siegen.
Ich schreib von Liebe, schreib von Hass,
ich schreibe ohne Unterlass.
Ich schreib für die gequälten Seelen,
ich schreib für euch, wenn Worte fehlen.
Anja ♥

