Das bequeme Narrativ von Gut und Böse
Bereits in unseren frühesten Kindertagen vermittelt man uns ein unumstößliches Bild von Gut und Böse. Wir lernen es durch alte Legenden, Märchen und Erzählungen. Diese teilen unsere Welt fein säuberlich in strahlende Helden und finstere Schurken ein. Es gibt den klaren Täter und das reine Opfer.
Diese strikte Trennung gibt uns als Kindern Sicherheit. Sie baut uns einen moralischen Kompass für eine Welt, die viel zu komplex und furchteinflößend ist. Genau richtig, um das Unbekannte greifbar zu machen. Oder etwa nicht?
Ich glaube, genau diese anerzogene Einfachheit macht uns später als Erwachsene oft völlig blind für die feinen, dunklen Zwischentöne. Wir halten krampfhaft an dem kindlichen Schwarz-Weiß-Denken fest. Das Hinsehen auf die unbequeme Realität menschlichen Handelns schmerzhaft ist. Was für Kinder funktioniert, gilt im echten Leben leider nur selten.
Die trügerische Sicherheit des Schwarz-Weiß-Denkens
Niemand lässt sich so leicht beeinflussen wie ein Mensch, der sich selbst als den Guten und Gerechten sieht. „Die Anderen“ sind die Bösen. Herrlich einfach!Das Leben ist schön, vor allem für die Menschen, die einfache Lösungen für komplexe Probleme versprechen. Wie so oft heiligt der Zweck jedes Mittel. Wir sind schließlich die moralisch Überlegenen und darum im Recht.
Wie im Kleinen, so funktioniert es auch im Großen: Gut und Böse, Freund und Feind, Sieger und Verlierer. Es spielt letztendlich keine Rolle. Die Geschichte schreiben nicht die, die zwingend im Recht sind oder moralisch korrekt gehandelt haben. Nein, sie verfassen jene, die am Ende noch stehen.
Eine absolute Wahrheit existiert schlichtweg nicht. Sie bildet immer nur eine Facette ab. Sie zeigt jene Version der Realität, die am überzeugendsten und lautesten klingt.
Das geschieht meistens dort, wo es sicher ist: über den Gräbern derer, die keine eigene Stimme mehr erheben können.
So widerspricht niemand der Lüge.
Kein Freispruch für Täter
Um ein mögliches Missverständnis auszuräumen: Es geht mir keineswegs darum, Täter von ihrer Schuld freizusprechen. Ich möchte das Leid der Opfer nicht relativieren. Wer Grausamkeit verübt, trägt auch die volle Verantwortung dafür.
Den Spieß einfach umzudrehen und aus Prinzip jedes Opfer auch zu Tätern oder Mitschuldigen zu machen, wäre viel zu kurz gedacht. Die Realität ist kein simpler Rollentausch. Sie bildet ein komplexes Geflecht aus Motiven, Umständen und Abgründen.
Es geht mir vielmehr darum, diesen Automatismus zu durchbrechen. Denn wir verteilen heute moralische Etiketten allzu schnell, ohne die Hintergründe kritisch zu beleuchten.
Wie Geschichten unsere Moral formen
Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, wie stark man derartige Narrative bewusst konstruiert. Selbst die weltbekannten Märchen der Gebrüder Grimm bilden kein Abbild einer unverfälschten Wahrheit oder reinen Volkskultur.
Die Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen von 1812 zeigte sich noch düster, grausam und voller moralischer Grauzonen. Wilhelm Grimm überarbeitete und passte die Texte in den darauffolgenden Auflagen massiv an. Er wollte sie in das gängige Narrativ und die bürgerlichen Erziehungsideale der damaligen Zeit einfügen.
Ein klassisches Beispiel zeigt diese gezielte Manipulation von Gut und Böse: Ursprünglich trafen wir bei Hänsel und Gretel oder Schneewittchen auf überforderte oder grausame leibliche Mütter. In späteren Versionen wurden daraus plötzlich die archetypischen „bösen Stiefmütter“. Das gesellschaftliche Ideal der reinen, unantastbaren Mutterschaft durfte keinen Schaden nehmen. Man spaltete Charaktere künstlich in absolute Täter und makellose Opfer. So präsentierte man den Lesern eine klare, pädagogisch wertvolle Version der Realität.
Eine fiktive Kriminalakte: Wenn das Opfer zum Drehbuchautor wird
Diese Erkenntnisse über die Lenkbarkeit unseres moralischen Empfindens brachten mich dazu, die Motivationen unserer Märchenhelden und Antagonisten neu zu durchleuchten. Wenn die Wahrheit derart flexibel ist, was passiert dann, wenn man die klassische Täter-Opfer-Schublade aufbricht?
Betrachtet man manche klassische Erzählung durch die Brille einer unvoreingenommenen Ermittlung, offenbaren sich plötzlich Abgründe. Diese versteckte man im pädagogischen Zuckerguss der Originale sorgsam. Es wirkt beinahe so, als ob die Protagonisten selbst die Regie über ihre eigene Legendenbildung geführt hätten. Sie wollten jeden Verdacht von sich ablenken.
Genau aus diesem Impuls heraus entstand das folgende Gedicht. Es erinnert weniger an ein klassisches Kinderlied als vielmehr an die Zeilen einer fiktiven Kriminalakte. Hier gerät die unantastbare Unschuld einer sehr bekannten Romanfigur plötzlich ins Wanken:
Mutter Geis
Was würde Mutter Geis wohl sagen,
wenn peinlichst man sie würd’ befragen,
weshalb sie ließ, daheim.allein,
die sieben kleinen Kinderlein,
wenn draußen vor dem Hause lungert
der Wolf seit Tagen halb verhungert?
Was hatte zwischen Hein und Buchen
sie dort im Wald allein zu suchen?
War sie sich dessen nicht bewusst,
dass diese Zeit der Wolf wohl nutzt,
um zu den Geißlein zu gelangen,
die angstvoll um ihr Leben bangen?
Voll Unschuld lächelt Mutter Geis
und meint, dass sie von gar nichts weiß.
Doch Fakt ist bisher nur das Eine:
im Wolf da fand man Wackersteine,
als er dort lag, schon mausetot,
im Brunnen früh im Morgenrot.
So ist es wohl mit den Geschichten:
Die Toten können nicht berichten,
was ihnen widerfahren ist.
So siegte Mutter Geis’es List,
denn niemand merkte offenbar,
dass alles nur gelogen war.

