Sag mal, spinnst du?
„Sag mal, spinnst du?“, hätte sie wohl gesagt, wenn sie gewusst hätte, dass ich vorhabe, meine Erinnerungen an sie mit der ganzen Welt zu teilen. Sie hätte mich dabei mit diesem schiefen, schelmischen Lächeln angesehen, das mir heute noch genauso vor Augen steht wie in meiner Kindheit. Meine Oma war keine Frau für das Rampenlicht; niemand, der sich selbst in den Vordergrund drängte. Sie war eine Frau, die wusste, was sie wollte. Eine Frau, die erhobenen Hauptes durchs Leben ging und Trauer wie Freude gleichermaßen kannte.
Typisch Dorfkind!
Ich war ein Dorfkind, wie es im Buche steht – mit Löchern in der Hose, Schürfwunden und blauen Flecken. Irgendwie immer schmutzig, so gar nicht so, wie man es von einem Mädchen erwarten würde. Ich wuchs in einer Welt auf, in der Tiere und Natur zum Alltag gehörten. Wir lebten alle gemeinsam: meine Eltern, mein großer Bruder und meine Großeltern. Für viele ist das heute wohl kaum noch vorstellbar, drei Generationen unter einem Dach. Ich verbrachte meine Zeit am liebsten spielend im Wald oder im Strohschuppen bei den Katzen. Im Sommer hütete meine Oma die Gänse, genau wie die Großmütter im Märchenbuch… Und ich? Ja, ich begleitete sie, in der festen Überzeugung meiner absoluten Unabkömmlichkeit. Für mich stand felsenfest: Ohne meine Hilfe wäre es unmöglich, die Gänse sicher zur Wiese und wieder nach Hause zu bringen
Alles hat seine Zeit
Ich hatte als Kind eine mir heute fast unerklärliche Energie. Ich musste mich bewegen, Dinge ausprobieren und auch daran scheitern. Anfangs versuchte ich daher, die Gänse zu treiben. Doch wer das jemals probiert hat, ahnt das Resultat: ein heilloses Durcheinander. Gänsehüten ist wie die Sache mit dem Glück, man kann nichts erzwingen. Meine Oma lehrte mich, dass man manchem im Leben Zeit geben muss, damit es seinen eigenen Rhythmus finden kann.
Es gab viele schöne Kindheitserinnerungen an meine Oma und das Leben auf dem Land. Diese Ausflüge gehören für mich jedoch zu den schönsten. Wir sprachen über das Leben, über ihres und das meine. Wir redeten über Träume, Ängste und alles, was mich bewegte. Wenn Oma etwas sagte, dann hatte es Tiefe und Gewicht.
Mädchen, die pfeifen...
Ich war nie ein Kind, das sich mit Tatsachen einfach abfand. Ich hinterfragte alles, doch nicht aus Lust an der Konfrontation. Nein, es war ein schier unstillbarer Drang, die Welt zu verstehen. Eines Tages zitierte meine Oma einen alten Spruch aus ihren Kindertagen: ‚Mädchen, die pfeifen, und Hühnern, die krähn, den sollt man bei Zeiten die Hälse umdrehn.‘ Ich verstand nicht, was das bedeuten sollte, und so begann sie zu erklären: ‚Man glaubte damals (und vielleicht auch noch heute), jeder müsse seinen zugewiesenen Platz im Leben akzeptieren. Hennen, die krähen (ja, und die gibt es tatsächlich von Zeit zu Zeit), funktionieren nicht wie vorgesehen. Es wirkt so, als fühlten sie sich zu etwas Höherem berufen, als einfach nur brav Eier zu legen. Mädchen, die pfeifen, galten wie diese Hennen als nutzlos oder eher unbequem. Das machte sie zu einer Gefahr für die bestehende Ordnung.‘
Wisst ihr eigentlich, wer mich das Pfeifen lehrte? Natürlich meine Oma! Sie wollte nie, dass ich brav bin. Ich sollte glücklich sein und meinen eigenen Weg gehen. Damit ich der Mensch werde, der ich im Herzen längst war. Dieses Pfeifen war ihr Geschenk an mich. Es gibt mir heute, Jahrzehnte später, immer noch Kraft und verbindet uns durch die Zeiten. Sie selbst war einst ein Mädchen, das sich der alten Ordnung nicht beugen wollte oder konnte. Man nannte sie frech und unbequem. Doch eigentlich tat sie nur das, was ich ebenfalls tat: Sie stellte Dinge und Strukturen in Frage
Anker und Flügel
Immer wenn es darauf ankam, stand meine Oma für mich ein. Wir waren Komplizen, stille Verbündete gegen eine Welt voller starrer Regeln. Sie erfand manche mehr oder minder gute Ausrede für mein Handeln, weil sie verstand, welcher Geist mich umtrieb, denn es war derselbe, der ihr innewohnte. Sie war mein Anker, meine Rüstung und meine Flügel zugleich. Wenn ich heute zurückblicke, sind diese Kindheitserinnerungen an meine Oma mein größter Schatz.
Dass ich dies alles über sie schreibe, würde sie sicher mit einem Kopfschütteln kommentieren. Aber wenn sie sehen könnte, was aus ihrem kleinen Mädchen geworden ist, würde sie mich wohl in den Arm nehmen und mich so fest es ihr nur möglich wäre an sich drücken. In diesem Moment bräuchte es kein einziges Wort mehr. Wir würden einfach ein letztes Mal gemeinsam pfeifen. Auf alte Sprüche, falsche Hast und verstaubte Konventionen.
Anja ♥


Eine Antwort
Liebe Anja, Du hast eine so tolle Lobeshymne auf deine Oma geschrieben, finde ich ganz große Klasse! Ich war als ich noch klein war, auch sehr viel bei meinen Großeltern, wir haben zwar nicht alle unter einem Dach gewohnt, aber ich habe mich bei ihnen auch immer gut aufgehoben gefühlt. Vor allen Dingen hatten sie mehr Zeit für uns, als meine Eltern. Ich hatte genau wie Du so viele Fragen an sie, wie was funktioniert, oder warum etwas genau so gemacht werden muss, wenn es auch einfacher gehen würde!
Sie hatten immer ein offenes Ohr für uns Kinder.
Und wenn wir mal Mist gebaut hatten, haben Sie uns in Schutz genommen!
War eine schöne Zeit! Übrigens das Pfeifen auf zwei Finger und das Eulengeräusch mit den Händen, (auch ein bestimmter Pfeifton ) hat mir mein Opa beigebracht. Da war unsere Oma ein wenig anders, sie hat mit dem Opa immer geschimpft, sie meinte immer:“ Bring dem Kind nicht so ein Blödsinn bei!“ Dann haben mein Opa und ich, uns nur angegrinst und weiter gemacht.
Ja, da kommen immer wieder wunderschöne Erinnerungen auf!